…sollte man Aktien kaufen, sagte einmal Ölmagnat John Rockefeller, seinerzeit der reichste Mann der Welt. Daran scheinen sich jedoch die wenigsten Aktionäre zu halten: Niemals zuvor wurde soviel Kapital aus den Aktienmärkten abgezogen wie im Monat September – ein Rekord der vermutlich im Oktober schon wieder gebrochen wird. In Anbetracht der Tatsache, dass die letzten 10 Jahre äußerst dürr ausgefallen sind ist dieses lemminghafte Verhalten keinem Investor zu verdenken: Der Dax Index schloss vor 10 Jahren bei 5.357 Punkten und damit mehr als 1000 Punkte über dem heutigen Stand. Bezieht man die Geldentwertung über diesen Zeitraum mit ein, so hat ein Aktionär in den letzten 10 Jahren einen jährlichen Verlust von Minus Fünf Prozent hinnehmen müssen. Verständlich also, dass die Lust auf Aktien vielen Aktionären vergangen ist. Es ist jedoch gerade dieser Blick in den Rückspiegel, der sich als sehr teuer erweisen wird: Die Börse ist auf lange Sicht ein Spiegelbild der Wirtschaft. Die geschaffene Wertschöpfung der letzten 10 Jahre wird sich also – früher oder später – in steigenden Aktienkursen widerspiegeln. Schade nur, dass viele Aktionäre, die kommenden 10 fetten Jahre nicht mehr miterleben werden. Dann wird auch wieder Kostolanys Bonmot, dass Aktionäre zwar schlechter schlafen als andere, aber im Gegenzug besser Essen gehen können, zutreffen. Seien Sie also ruhig einmal gierig während Ihre Mitmenschen ängstlich sind. Die Mühe einzelne Aktien wie Rosinen aus der Masse herauszupicken können Sie sich dabei getrost sparen: Investieren Sie in den Dax-Index und damit in 30 der gesundesten und ertragsstärksten Unternehmen Deutschlands. Schlafen Sie dann 10 Jahre lang den Schlaf der Gerechten und Sie werden eine angenehme Überraschung mit Ihrem Erwachen erleben!
Montag, 27. Oktober 2008
Mittwoch, 20. August 2008
Ausführungen zur Beurteilung von Märkten
Gewöhnlich mache ich keine Aussagen über die allgemeine Marktbewertung. Allerdings ist die Verunsicherung vieler Menschen in Zusammenhang mit Börsenkursen so groß, dass es nicht schaden sollte etwas zum besseren Verständnis von Märkten und ihrer Bewertung beizutragen.

Börsenkurse schwanken - weit mehr als sie sollten. Letztlich ist die Börse nur ein Spiegelbild der Wirtschaft. Da die meisten Investoren jedoch in Wahrheit Spekulanten sind, die sich so verhalten als ob die Börse ein einziges großes Spielkasino sei, spiegelt die Börse die Wirtschaft nur auf lange Sicht wieder. Kurzfristig dagegen sind die Börsenkurse von ganz anderen Variablen Abhängig: Nämllich den Emotionen der Menschen. Ben Graham hat dies treffend ausgedrückt: Kurzfristig sind die Märkte Abstimmungsmechanismen, langfristig dagegen funktionieren sie als Gewichtungsmechanismen. Durh rationales Verhalten kann sich der wertorientierte Investor dies zu Nutzen machen, indem er geduldig wartet bis die Aktienkurse den inneren Wert der zugrunde liegenden Unternehmen nicht wiederspiegeln. Dann ist die Zeit um "einkaufen" zu gehen - unabhängig was Andere tun und wie düster die Prognosen auch sein mögen.Nun aber wie versprochen einige Worte zur aktuellen Situation: Für einen Euro Gewinn muss ein Investor momentan 11 Euro bezahlen - en Schnäppchen???
Nun historisch gesehen waren für einen Euro Gewinn 15 Euro auf den Tisch zu legen. Allerdings vernachlässigt diese Betrachtung 2 wesentliche Punkte:
1) Gewinnmargen
Aktuell betragen die Bruttomargen 8 bis in der Spitze 9 Prozent. In der Rezession 2002/2003 betrugen die Margen gerade einmal 3 Prozent. Die Wahrheit ist einfach: Wir haben kein neues Zeitalter der Prosperität beschritten - Gewinnmargen schwanken um ein Mittel von etwa 5 Prozent. In Rezessionen werden sie darunter liegen und in Boomphasen darüber. Der intelligente Investor berücksichtigt diesen Effekt und adjustiert die Gewinne um die Reale Ertragskraft zu erhalten. Adjustieren wir also das KGV von aktuell 11 indem wir die Gewinne um 30% kürzen was einer Korrektur der Gewinnmarge von 8% auf 5% entspricht so erhalten wir ein "reales" KGV von 15,7.
2) Inflation
Inflation ist für Aktienkurse das, was für uns die Schwerkraft ist: Höhere Inflation zieht die Aktienkurse nach unten und umgekehrt. Der Grund liegt auf der Hand: Wenn Sie einen Euro ein Jahr zu 5% anlegen und die Preise in diesem Jahr um 5% steigen, dann können Sie sich nicht mehr leisten als zu Beginn es Jahres. Für den Anleger sind nur reale Kaufkraftsteigerungen von Bedeutung, ansonsten würden betragsmäßig hohe Gewinne zwar seinen Geldbeutel nicht jedoch seinen hungrigen Magen füllen. Die letzte Dekade war geprägt von "billigem Geld" - die Rechnung dafür kommt wie so oft später: Wenn die Regierungen dieser Welt - allen voran die USA - fleißig Geld drucken, so wird dieses in Relation zu den Gütern dieser Welt billiger. Kurzum stellen Sie sich auf höhere Inflationsraten in der Zukunft ein. Ein guter Vergleichsmaßstab sind in diesem Zusammenhang die Renditen von Staatsanleihen: Aktuell haben wir in den USA 5% Inflation und in Europa etwa 3% Inflation. Natürlich müssen die Renditen von Staatsanleihen langfristig über der Inflationsrate liegen. Rechnen wir der Einfachheit halber mit 7% und vergleichen diese Rendite mit der 4% Dividendenrendite des Dax, so erscheint letztere plötzlich nicht mehr so attraktiv. Da Unternehmen jedoch enen Teil ihrer Gewinne einbehalten sollte die Anleihenrendite auch mit den Gesamten Unternehmensgewinnen verglichen werden: Hier stehen den 7 % für Anleihen 6,4 % gegenüber (=1:15,7).
Fazit:
Aktuell sind die Aktienmärkte keineswegs auf historischen Tieftsständen was die Bewertung betrifft. Allerdings lassen sich aktuell sehr wohl Unternehmen mit sehr guten Ökonomien ausmachen, die zu attraktiven Preisen zum Verkauf stehen. Der wertorientierte Investor wird also seine Augen offen halten und gleichzeitig darauf hoffen, dass die Menschen in Panik und Depression verfallen, denn dann hat er die Möglichkeit im Stile Tempeltons einzusteigen und "aufzuräumen".
Sonntag, 3. August 2008
Zitat des Tages

1999 verstarb der humorvolle Spekulant André Kostolany, im folgenden einige Zitate des Altmeisters und Musikliebhabers:
Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich auf einem Quadratmeter mehr Dummköpfe treffe als bei der Börse.
Wer viel Geld hat, kann spekulieren. Wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren. Wer kein Geld hat, muß spekulieren.An der Börse sind 2 mal 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Man muß nur die Nerven haben, das minus 1 auszuhalten.
Ein Kurzvideo finden Sie auf der rechten Seite verlinkt.
Samstag, 2. August 2008
Warren und Charlie's 4 Filter Test

Warren Buffett und sein Partner Charlie Munger haben in Berkshires jährlichen Briefen an ihre Geschäftspartner präzise dargelegt nach welchem qualitativen Prozess sie Unternehmen erwerben.
Für sie spielt es dabei keine Rolle ob sie das Unternehmen zu 100% erwerben oder zu 1%.
Warren Buffett: Wir suchen nach...
1) Unternehmen deren Business wir verstehen
2) Das Unternehmen besitzt nachhaltige Wettbewerbsvorteile, die den Besitzern langfristig gute Erträge bescheren
3) Unternehmen die von ehrlichen und kompetenten Menschen geführt werden - wir können sie nicht ersetzen!
4) Das Business kann zu einem attraktiven Preis erworben werden
zu 1) Kaufe niemals ein Business, dass du nicht verstehst. Nach Warren's Meinung sollte jeder Investor sich vor Augen führen, dass er einen eigenen Kompetenzereich besitzt. In diesem sollte sich der Investor bewegen, weil das nach Warren's Meinung die Fehlerquote bei seinen Investmententscheidungen gering halten wird. (So investierte Warren bspw. niemals in das Unternehmen seines engen Freundes Bill Gates obwohl dieser es ihm nahelegte - Warren wusste einfach nicht wie das Business von Microsoft in 10 Jahren aussehen würde.)
zu 2) Stellen Sie sich folgende Frage, wenn Sie ich ein Unternehmen anschauen:"Sie haben das beste Managementteam und unbegrenzte finanzielle Ressourcen - können Sie das Unternehmen dann in Schwierigkeiten bringen?" Im Falle von Coca Cola lautete Warren's Antwort nein:"Stellen Sie sich vor Sie würden für 10 Jahre auf den Mond fliegen - welches Business würden Sie dann gerne besitzen? Natürlich ein Business von dem Sie wissen, dass es in 10 Jahren besser dasteht als wenn Sie den Planeten verlassen.
Coke wird in 10 Jahren mehr verdienen als heute, in 20 Jahren mehr als in 10 Jahren und so weiter."
zu 3) Nur Unternehmer, die ehrlich, leidenschaftlich und kompetetent sind können die maximale Wertschöpfung aus einem Business herausholen - dazu Warren: Unser Ideal ist Miss B., Geschäftsführerin des Nebrasa Furniture Mart. Sie kam als junge Frau mit 500$ nach Amerika, machte ihr eigenes Geschäft auf, arbeitete 7 Tage die Woche und liebt ihr Business - Heute ist Miss B. über 100, arbeitet immer noch 7 Tage die Woche, führt das größte Möbelhaus der USA und liefert ihren Kunden die besten Möbel zu günstigsten Preisen. Wir sind völlig aus dem Häuschen in einem Boot mit ihr zu sitzen.
zu 4) Selbst wenn Sie das beste Business auf dem Planeten erwerben müssen Sie - um adequate Renditen zu erzielen - auf den Preis achten. Der Preis schien zur Jahrtausendwende niemanden zu interessieren: Unternehmen, die seit ihrem Bestehen (häufig wenige Monate...) noch keinen Cent Gewinn erzielt hatten wurden zu Milliardenbeträgen verscherbelt. Für den letzten Idioten endete dieses "Spiel der Hornochsen" konsequenterweise im Totalverlust. Viel interessanter ist allerdings, dass selbst diejenigen, die zu dieser Zeit die besten "Tech-stocks" erwarben permanent Kapital verloren haben - und dass obwohl Microsoft, Cisco und Intel heute deutlich mehr Geld verdienen als 2000. Der Grund dafür ist einfach: Sie haben zuviel bezahlt! Deshalb sollten Sie darauf achten für Unternehmen niemals zuviel zu bezahlen - gleichgültig wie "rosig" die Aussichten auch sein mögen!
Warren:"Früher habe ich das größte Gewicht auf den Preis gelegt: Ich kaufte mittelprächtige Unternehmen zu fantastischen Preisen. Heute machen es Charlie und ich genau andersherum: Wir kaufen fantastische Unternehmen zu guten Preisen." Wir glauben, dass dieser Ansatz über die Jahre eine reichhaltige Ernte einbringen wird."
Sonntag, 27. Juli 2008
Der Baruch Moment

Als sich die Wall Street Legende Bernard Baruch im Jahre 1929 von einem schwarzen Jungen die Schuhe putzen lässt erlebte er einen "magischen" Moment, von dem seitdem als "Baruch Moment" bezeichnet nahezu alle Wall-Street Spekulanten träumen.
Der schwarze Junge sprach Baruch - während er geschäftig dessen Schuhe putzte - darauf an ob er auch in Aktien spekuliere. Auf Baruchs zögerliche Antwort begann er euphorisch über die NYer Börse zu erzählen und gab Baruch allerlei Aktienempfehlungen, die ihn schnell reich machen sollten.
Baruch - damals schon einer der reichsten Männer New Yorks - bedankte sich und machte sich zügig und bestimmt auf den Weg zu seinem Broker. "Verkaufen Sie alles!" lautete Baruchs Auftrag, der ihn vor dem darauffolgenden fürchterlichen Börsencrash bewahrte.
Von 1929 bis 1932 stürzte der Dow Jones von 400 auf unter 50 Punkte und verursachte damit zahreiche Fensterstürze von Wall-Street Spekulanten.
Buchvorstellung: Investing the Templeton Way

Schon im Vorwort des kürzlich verstorbenen Sir John Templeton erfährt der Leser die Kernaussage dieses Buches:
"Die Menschen fragen mich immer wo die Aussichten am besten seien - ich antworte ihnen:
Gehen Sie dorthin wo die Aussichten am miserabelsten sind!"
"Ich habe Zeit meines Lebens versucht am Punkt des maximalen Pessimismus zu investieren um am Punkt des maximalen Optimismus zu verkaufen."
"Bullenmärkte werden geboren in Pessimismus, wachsen in Skepsis, reifen in Optimismus und sterben in Euphorie."
Kurzum: Kaufen Sie Aktien wenn alle Anderen verzweifelt verkaufen und nehmen Sie Ihren Hut wenn selbst Ihre Frisöse beginnt Aktientipps zu geben. Indem Sie gegen den Strom schwimmen werden Sie in der Lage sein wundervolle Unternehmen zu attraktiven Preisen zu erwerben.
In den darauffolgenden Kapiteln erhält der Leser eine Übersicht über die Investmentlaufbahn des Schnäppchenjägers Templetons und die grundlegenden Prinzipien, die er anwendete.
Alles Begann zu Beginn des zweiten Weltkriegs als Templeton 10.000 Dollar (damals sehr viel Geld...) in 100 Aktien unter 1 Dollar investierte. Bis auf 4 Unternehmen waren alle Käufe ein Erfolg und Templeton auf dem Weg zu einer der erfolgreichsten Investoren aller Zeiten zu werden. Templeton führte über 4 Jahrzehnte den Templeton Growth Fund und erzielte für seine Kunden eine annualisierte Rendite nach Kosten von beachtlichen 14,5% - zurück zum Buch:
Ein Kapitel handelt bspw. davon wie Templeton global auf Schnäppchenjagd ging, in einem anderen Kapitel wird sein Gedankengang dargelegt als er im hohen Alter von 87 Technologieaktien shortete. Das Buch ist sehr leicht zu lesen, weil unterhaltsam geschrieben.
Das Buch ist besonders aus psychologischer Sicht wertvoll, weil es dem Investor einhämmert dann zu investieren wenn "das Blut die Straßen hinunterfließt." Genau zu dieser Zeit wird der Investor nämlich in der Lage sein Unternehmen zu Spottpreisen zu erwerben.
In Sachen Unternehmensbewertung ist das Buch sehr kurz gehalten - es empfiehlt sich besonders ergänzend zu Grahams "Intelligent Investor" und Dorseys "Little Book That Builds Wealth".
Montag, 21. Juli 2008
Zitat des Tages:

Ich kann die Bewegungen der Himmelskörper aufs Genaueste berechnen und voraussagen, aber ich bin nicht dazu imstande die Bewegung der Börsenkurse auch nur zu erahnen
Das Genie Isaac Newton - nachdem er an der Börse sehr viel Geld - !durch Spekulation in der "South See Bubble"! - verloren hatte.
Die oben genannte Börsenblase soll angeblich den (ebenfalls betroffenen) Schriftsteller Jonathan Swift dazu angeregt haben "Gullivers Reisen" zu verfassen.
Sonntag, 20. Juli 2008
Das Schlagmann Konzept - Geheimnisse eines Baseball Profis

In den Memoiren eines berühmten Baseballspielers findet sich ein für Investoren ganz besonders kraftvolles Konzept:
"Ich habe das Schlagfeld in verschiedene Zonen eingeteilt. Das Geheimnis meiner herausragenden Trefferquote bestand darin nur die Bälle zu schlagen, die sich in meiner stärksten Schlagzone befanden."
Für den Valueinvestor bedeutet das: Warte geduldig auf deine Gelegenheit - bis ein Unternehmen "angeflogen" kommt, welches in deinem Kompetenzbereich liegt. Dann aber schlage energisch zu!
Die Börse notiert Tag für Tag den Preis von tausenden Unternehmen. Der Investor sollte sich davon nicht irriteren lassen, sondern sich auf die Unternehmen konzentrieren, welchen Business er versteht und in denen er nachhaltige Wettberbsvorteile findet. Fliegt eines dieser Unternehmen dann zu einem attraktiven Preis auf ihn zu so kann er zuschlagen.
Das schöne dabei ist: Es gibt - im Gegensatz zum Baseball - keine Strikes, d.h. der Investor kann beliebig viele Bälle an sich vorbeirauschen lassen ohne dafür bestraft zu werden. Dazu Warren Buffett:"Ich glaube die meisten Menschen sollten sich beim Investieren so verhalten als ob sie eine Lochkarte mit 20 Feldern besitzen würden.
20 gründlich getroffene Investmententscheidungen sind für einen Menschen mehr als ausreichend und werden ihn mit der Zeit sehr wohlhabend machen.
Samstag, 19. Juli 2008
Zitat des Tages
Investieren ist am intelligentesten wenn es am unternehmensbezogensten ist
Graham im zwanzigsten Kapitel des Intelligent Investors
Freitag, 18. Juli 2008
Porträt eines "wundervollen" Unternehmens

Der folgende Artikel charakterisiert ein Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, er erschien am 30.April im Handelsblatt anlässlich der Übernahme von Wrigley durch Mars mithilfe der Finanzierung von Berkshire.
Der Mars-Clan
Wie die CIA
von Torsten Riecke
Sie führen ihre Geschäfte äußerst sparsam, streng und diskret. Deshalb gibt es von John und Forrest Mars keine Fotos. Wer sind die beiden amerikanischen Schokoriegel-Milliardäre, die jetzt den Kaugummihersteller Wrigley übernehmen?
Die Familie Mars macht Milliarden mit Schokoriegeln wie Mars. Foto: dpa
NEW YORK. Jeder kennt ihre Produkte, aber kaum jemand kennt die Eigentümer. Selbst an jenem Tag, an dem der US-Schokoriegelhersteller Mars den Kaugummigiganten Wrigley für 23 Milliarden Dollar schluckt, schweigt die Familie. Eine spärliche Pressemitteilung auf der Webseite und ein paar Managerfloskeln vom „Global President“ Paul Michaels müssen genügen.
Der Mars-Clan lässt selbst Anfragen vom „Wall Street Journal“ unbeantwortet. Dass sich ein Markenunternehmen, dessen Erfolg entscheidend vom Bekanntheitsgrad seiner Produkte abhängt, derart öffentlichkeitsscheu zeigt, gehört zu den vielen Widersprüchen, die sich um das Schoko-Imperium ranken.
Mit ihrer Geheimnistuerei übertreffen die Mars-Menschen noch ihre berüchtigten Nachbarn. Nur wenige Kilometer vom Firmensitz in McLean im US-Bundesstaat Virginia entfernt befindet sich das Hauptquartier des US-Geheimdienstes CIA. Dort sickern zumindest hin und wieder Informationen und Skandale ans Licht der Öffentlichkeit. Nicht so bei Mars. Nicht einmal Bilder gibt es von den Familienpatriarchen John und Forrest Mars Jr. „Wir wissen mehr über den Roten Planeten als über den gleichnamigen Schokohersteller“, lästert ein Branchenkenner.
Alle, die mehr über Mars wissen wollen, sind deshalb auf Geschichtsbücher und Gerüchte angewiesen. Historisch belegt ist zum Beispiel, dass die Erfolgsgeschichte des Schokoriegels 1911 in der Küche von Frank C. Mars in Tacoma/Washington ihren Anfang nahm. Zusammen mit seiner Frau Ethel produzierte der Firmengründer Süßigkeiten aus Buttercreme. Daraus wird eine kleine Fabrik mit 125 Mitarbeitern, die expandiert und 1920 nach Minneapolis verlegt werden muss. Der Durchbruch gelingt 1923 mit dem Schokoriegel „Milky Way“, sieben Jahre später folgt „Snickers“.
Inzwischen ist Mars nach Chicago umgezogen und hat seinen Sohn Forrest E. Sr. in den Familienbetrieb geholt. Nach einem Familienkrach geht der mit 50 000 Dollar und der Geheimformel für „Milky Way“ in der Tasche nach England, gründet dort seine eigene Firma und kehrt während des Zweiten Weltkriegs mit einer neuen Produktidee (M&M’s) zurück nach Amerika. Dort vereinigt er seine Firma mit dem Unternehmen seines Vaters zur Mars Inc. Forrest Sr. ergänzt die Produktpalette um „Uncle Bens’s Rice“ und Tierfutter wie „Whiskas“, „Pedigree“ und „Sheba“. 1973 übernehmen seine Söhne John und Forrest Jr. das Steuer des inzwischen weltweit tätigen Konzerns. Das hält den Senior aber nicht davon ab, bis zu seinem Tod 1999 ins Tagesgeschäft hineinzureden.
John und Forrest Jr. erben von ihrem Vater nicht nur ein florierendes Unternehmen, sondern auch einen überaus eigenwilligen Führungsstil. Damit bewegen wir uns von der Historie in die Welt der Legenden, die vor allem durch spärliche Hinweise ehemaliger Mars-Manager gespeist werden. Die „Mars-Brüder“ gelten in der Branche als ruppig im Umgang. Der Journalist Bill Saporito führt das auf eine Familientradition zurück. Bereits Firmengründer Frank habe seinen Sohn Forrest Sr. mit harter Hand erzogen, was der an seine Söhne weitergegeben habe. Zur Familientradition gehört auch ein fast manisches Qualitätsbewusstsein. Nächtliche Beschwerden der Eigentümer bei Mitarbeitern über ein verrutschtes „M“ auf den Schokoerbsen kommen schon mal vor. Zu den Gerüchten gehört, dass die Manager des Konzerns persönliche Geschmacksproben von allen Produkten vornehmen müssen.
Auf den ersten Blick widersprüchlich ist auch der Umgang mit dem Geld. Im Firmenalltag wird jeder Cent zweimal umgedreht. Großraumbüros sind üblich, Firmenwagen und Sekretärinnen dagegen verpönt. Selbst die „Mars-Brüder“ sollen bei einem Werksbesuch in England mit einem Ford Fiesta angereist sein – trotz ihres Privatvermögens von je rund 14 Milliarden Dollar. Die Mars-Brüder sind zwar Pfennigfuchser im Alltag, bezahlen ihren Angestellten aber oft das Doppelte dessen, was in der Branche üblich ist.
Zu den Gutbezahlten zählt auch Mars-Präsident Paul Michaels. Er ist seit mehr als zehn Jahren im Unternehmen und übt seit vier Jahren seine leitende Funktion aus. John und Forrest Jr. mischen aber weiter mit.
Michaels hat offenbar den Deal mit Wrigley eingefädelt. Am 11. April traf er sich erstmals mit Bill Wrigley Jr. Das Treffen fand in Michaels’ Küche in McLean statt. Serviert wurden Sandwiches. Das passt zur hemdsärmeligen Firmenkultur von Mars.
Aus der Küche zum Weltkonzern
1911
Frank C. Mars und seine Frau stellen in ihrer Küche Bonbons her. Später eröffnen sie die erste Fabrik.
1923
Sie bringen den Schokoriegel Milky Way auf den Markt.
1932
Sohn Forrest E. Mars wandert nach England aus und bringt dort eine andere Version von Milky Way heraus. Nach dem Tod des Vaters kehrt er in die USA zurück, führt die M&M’s ein. Ihm gelingt es 1964, alle Anteile an der Firma des Vaters zu übernehmen.
1969
Forrest E. Mars übergibt das Unternehmen an Forrest E. Junior, John F. und Jacqueline.
2004
Paul Michaels wird Präsident von Mars.
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